Zwischen Religion und Popkultur

Muss ich das selbstständige Denken einstellen, wenn ich tiefgründige Erfahrungen machen will? Bedeutet Vernunft, in agnostizistischem Achselzucken zu verharren? Die relevanten Fragen des Menschseins wie "Wo komme ich her", "Wer bin ich", "Wo gehe ich hin", "Was soll ich tun" und "Was ist mein Sinn" werden oft verknüpft mit religiösen Glaubensinhalten und Offenbarungen, die mit einem wissenschaftlich geprägten Weltbild kaum vereinbar sind. Umgekehrt kann die Wissenschaft uns diese Fragen aber auch nicht beantworten. Vielmehr scheint sie uns die alten Glaubenskonzepte bloß wegzunehmen und uns dann in postmoderner Orientierungslosigkeit im Stich zu lassen. Es entsteht eine Lücke.

 

Vielleicht sind deswegen die Religionen selbst bei solchen Menschen sehr verbreitet, die eigentlich eher wissenschaftlichem und aufklärerischem Denken nahe stehen. Nach wie vor erfreuen sich außerdem Subkulturen und Sekten großer Beliebtheit. Daneben ist vielfach ein oberflächlicher Hedonismus zu beobachten, der transzendentale Konzepte und Symbole oft und gerne als Lifestyle-Accessoire verwendet. An all dem ist im Grunde auch gar nichts falsch, solange die Menschen selbst sich mit einer dieser Lebensanschauungen bzw. Lebensweisen wohlfühlen und sie für sich als stimmig empfinden. Denn nur darauf kommt es an.

Für alle anderen gibt es aber zwischen Religion und Popkultur eine oft übersehene dritte Option: Eine Lebensphilosophie. Darunter verstehe ich eine individuelle Suche nach Erkenntnis. Man lässt sich durch verschiedene Ideen und Philosophien inspirieren. Das Ziel ist aber immer eigenständiges Nachdenken und Erleben.

 

Die größte Quelle der Inspiration habe ich bisher in der buddhistischen Philosophie gefunden. Damit meine ich den Teil des Buddhismus, der übrig bleibt, wenn man die eher religiösen und esoterischen Inhalte wie Karma und Wiedergeburt außen vor lässt. Die so verbleibende Philosophie ist immer noch sehr komplex und vielseitig mit den verschiedensten Interpretationen und Betonungen. Bei mir haben aber vor allem folgende Hypothesen Resonanz erzeugt:

 

Alle fühlenden Wesen streben nach etwas. Was das genau ist, lässt sich schwer definieren, aber es lässt sich umschreiben mit Worten wie Zufriedenheit, Glück, Freiheit von Leid, innerem Frieden, heiterer Gelassenheit, gar Erleuchtung.

 

Inwieweit wir dieses Ziel erreichen oder nicht, hängt viel mehr von den inneren Umständen ab als von den äußeren. Es gibt Menschen, die umgeben von Reichtum, Wohlstand, lieben Menschen und körperlicher Gesundheit vor Unzufriedenheit vergehen, weil sie diese Schätze nicht wahrnehmen können. Stattdessen fixieren sie sich voll auf die eine Kleinigkeit, die in ihrem Leben nicht geklappt hat. Und so schaffen sie es, auch unter besten äußeren Bedingungen unglücklich zu sein. Umgekehrt gibt es Menschen, die wie Diogenes in der Tonne leben, aber dabei dem Leben weitaus aufgeschlossener und selbstbewusster gegenüber stehen.

 

Das fällt uns meistens schwer zu begreifen, weil wir in der Regel die "Realität" für realer halten, als sie eigentlich ist. Es ist natürlich nicht zu bestreiten, dass es eine objektive äußere Realität gibt. Wenn man beispielsweise die provokative Frage stellt: "Ist der Mond auch dann noch da, wenn gerade niemand hinsieht?", müsste man antworten: Ja, natürlich. Der Mond wäre noch da. Aber wenn wirklich niemand mehr hinschaut - dann hätte der Mond keine Farbe mehr. Er wäre weder hübsch noch hässlich. Nicht romantisch, nicht melancholisch, weder beeindruckend noch banal. Alles was bliebe, wären Daten. Sein Licht hätte immer noch eine bestimmte Frequenz. Seine Materie hätte eine bestimmte Masse, Energie und Geschwindigkeit. Es bliebe jedoch nichts, das sich nicht in Einsen und Nullen ausdrücken ließe. Dagegen alles, was Relevanz hat, was Glück und Unglück bedeutet, was Liebe und Hass ausmacht, Trauer, Wut und Angst nach sich zieht, Schönheit und Sinn stiften kann, kurz alles was das Drama des Lebens am Laufen hält, geschieht in unserem Geist. Und auf diesen kann man Einfluss nehmen. Überspitzt formuliert: Alles Glück der Welt liegt uns näher als unsere eigenen Augen (vgl. Yongey Mingyur Rinpoche, "Buddha und die Wissenschaft vom Glück", S. 29).

 

Ein kleiner Teil des enormen geistigen Potentials lässt sich nun erschließen, indem wir den Geist verstehen und ein bisschen beeinflussen lernen. Beides gelingt ganz gut durch die Beobachtung des Geistes durch den Geist also durch Meditation. Denn was sollte man tun, wenn man im Schlaf einen Alptraum hat? Es genügt, sich im Traum dessen bewusst zu werden, dass man nur träumt! Und man kann fliegen. Wenn man sich nun durch die unmittelbare Erfahrung des Geistes in der Meditation zunehmend dessen bewusst wird, dass auch die "Realität" gleich einem Traum zu großen Teilen nur ein Produkt unseres Geistes ist, kultiviert man damit eine Quelle großer Freiheit und Gelassenheit, die mein Leben bisher sehr bereichert hat.

 

Hier hört es aber nicht auf: Es gibt vieles weitere, das man durch Meditation über den Geist lernen kann. Eines der spannendsten Themen ist sicher das Konzept der Ichlosigkeit. Nach dieser Hypothese ist es eine Illusion, dass wir vergleichbar einer Luftblase in uns selbst geschlossene konstante Wesen sind, die von anderen Wesen abgetrennt und verschieden sind. Vielmehr ist der Geist nur eine Kette einzelner geistiger Ereignisse, Gefühle, Gedanken und Sinneswahrnehmungen, die aus der Leere aufsteigen, ein wenig anhalten und dann wieder vergehen. Die Konsequenzen, die daraus folgen, sind faszinierend:

 

So eröffnet dies eine neue Sichtweise über das Leben nach dem Tod. Wenn wir nämlich keine "Wesen" sondern "Ereignisketten" sind, dann sind wir vergleichbar mit einer Welle, die lange Zeit über den Ozean rollt und schließlich in der Brandung zerschellt. Die Welle hat sich fortbewegt und ist schließlich verschwunden. Aber genau genommen gab es die Welle nie. Es gab nur einzelne Wassermoleküle, die aufstiegen, kurze Zeit verweilten und wieder absanken. Und diese Wassermoleküle sind noch alle da. Das scheinbar Konstante hat also nie wirklich existiert. Was aber wirklich existiert hat war die stete Bewegung. Und diese ist geblieben.

Ferner kann die meditative Überwindung der Ich-Illusion eine Erfahrung großen Mitgefühls vermitteln. Das heißt, man kann durch Meditation in besonderem Maße spüren, dass das Leiden aller anderen Menschen dieselbe Relevanz und Qualität hat, wie das eigene Leiden. Auf diese Weise lässt sich ein Gefühl tiefer Verbundenheit kultivieren. Daraus kann man eine Begründung der Ethik ableiten, die auf mich sehr schlüssig wirkt: Ich möchte glücklich sein und spüre, dass die Kultivierung von Mitgefühl mir und uns sehr dabei helfen kann; Ethik als Win-win-Situation. Umgekehrt wage ich zu vermuten, dass viele der verrückten Autokraten unserer Zeit bei all ihrer Macht über die Außenwelt oft nicht wirklich zufrieden in ihrem Leben sein dürften. Sie überkompensieren innere Leere mit äußerer Maßlosigkeit. Manchmal denke ich, jemand sollte Donald Trump einfach nur mal richtig in den Arm nehmen.

 

Diese Hypothesen mögen im einzelnen nicht beweisbar sein in einem positivistischen Sinne. Das brauchen sie auch nicht, denn sie haben ja gar nicht den Anspruch, unumstößliche Wahrheit zu sein. Sie sind eher Anknüpfungspunkte der Selbsterfahrung und Auseinandersetzung. Unter diesem Blickwinkel behaupte ich nun, dass sie ohne weiteres mit einem wissenschaftlichen Weltbild vereinbar sind. Darüber hinaus konnte die moderne Hirnforschung die grundsätzliche Wirksamkeit vom Meditation sogar ganz gut belegen.

 

Bei allem Potential und aller Faszination will ich aber auch erwähnen, dass diese Ideen paradoxerweise nur dann funktionieren, wenn man auf dem Teppich bleibt. Es ist nicht so, dass man vom Buddhismus permanente Glücksgefühle und letzte Gewissheiten erwarten kann. Die Probleme der Welt verschwinden nicht dadurch, dass man etwas häufiger meditiert. Genauso wenig wird es auf einmal sinnlos, Ziele und Probleme in der Außenwelt anzugehen. Ich würde auch nicht sagen, dass die Beschäftigung mit dem Buddhismus aus mir einen völlig anderen Menschen gemacht hat. Aber sie bewirkt doch, dass ich mit größerer Gelassenheit und Inspiration durchs Leben gehe - und ich finde, das ist schon viel wert.

 

- von Thomas Kleiner