Was ist Meditation?

Zwei Überlegungen haben mich dazu veranlasst, mich dem Buddhismus zuzuwenden, die ich im Folgenden näher erläutern möchte: Die buddhistische Ethik ist universell und utilitaristisch ausgerichtet, d.h. ethisches Handeln soll allen Wesen zum Glück und zur Vermeidung von Leid verhelfen. Wir alle wünschen uns mehr Gelassenheit im Umgang mit leidvollen Erfahrungen und ein sinnerfülltes Leben im Einklang mit ethischen Prinzipien. Im Unterschied zu den abrahamitischen Religionen hat der Buddhismus als erfahrungsbasierte Lebensphilosophie eine Reihe von ausgefeilten Methoden entwickelt, welche bei regelmäßiger Praxis tatsächlich zur Steigerung von Lebenszufriedenheit beitragen. Er bietet uns Werkzeuge, mit denen wir arbeiten können, wobei die Meditationspraxis eine herausragende Rolle einnimmt.

 

Meditation ist die Untersuchung und Veränderung des Geistes durch Schulung in Achtsamkeit. Wir unterscheiden zwischen der formalen Meditation im Sitzen und Achtsamkeitsübungen im Alltag. Durch die Kultivierung einer meditativen Haltung auch im Alltag lernen wir, negative Emotionen zu erkennen, zu überwinden und freundlicher mit uns selbst und anderen Menschen umzugehen. Wir üben, im Augenblick präsent zu sein, wahrzunehmen, was den Geist in jedem Moment beschäftigt und wie sich geistige Inhalte von alleine wieder auflösen, wenn wir nichts tun. Indem wir störende Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen immer wieder loslassen, werden wir zunehmend weniger durch unsere Sorgen und Ängste beherrscht. Da der untrainierte Geist ständig irgendwelchen Ablenkungen unterliegt, brauchen wir zunächst ein Objekt der Meditation, die Atmung oder Körperempfindungen o.ä., bei welchem der Geist verweilen kann. Wann immer die Aufmerksamkeit abschweift, kann sie behutsam, aber bestimmt zum Meditationsobjekt zurückgeführt werden. Durch eine nicht-wertende, achtsame Haltung allen geistigen Phänomenen gegenüber entwickelt sich Geistesruhe und Akzeptanz des gegenwärtigen Augenblicks. Die meditative Haltung des Sich-Annehmens ist die Erkenntnis: „So bin ich in diesem Moment“, was nicht bedeuten muss, dass ich immer so bleiben werde.

 

Durch die Meditationspraxis gelingt es zunehmend besser, auch bei alltäglichen Aktivitäten eine achtsame Haltung einzunehmen, bei allen Routinetätigkeiten, Hausarbeiten,  Laufen, Essen und im Kontakt mit anderen Menschen. Da wir oft halbbewusst im sog. „Autopilotenmodus“ agieren, können äußere situative oder innerseelische Auslöser alte schädliche Denk- und Reaktionsgewohnheiten triggern, welche noch immer negative Folgen haben können. Durch Meditation wird unsere Wahrnehmung mit der Zeit weiter und klarer, unser Reagieren reflektierter. Wir üben, die Ursachen störender Emotionen zu erkennen, unsere Perspektive zu erweitern, so dass wir besser entscheiden können, auf welche Weise wir belastende Gefühle überwinden, ob durch Veränderungen in der äußeren oder der inneren subjektiven Realität. Die Entwicklung einer offen akzeptierenden Haltung dem Unabänderlichen gegenüber kann unter Umständen überaus befreiend sein. Denn leidvolle Erfahrungen entstehen, wenn wir das Unvermeidliche zu bekämpfen oder zu vermeiden versuchen, was unsere Wahlmöglichkeiten einschränkt und die Intensität negativer Geisteszustände paradoxerweise steigert. Die meditative Haltung von Achtsamkeit und Akzeptanz im Sinne von Widerstandslosigkeit dem gegenwärtigen Augenblick gegenüber bedeutet weder Resignation, noch das Andauern des negativen Zustandes. Akzeptanz ist das Gegenteil von Vermeidung und bezeichnet eine Haltung, welche Ereignisse und Situationen aktiv und offen annimmt, statt diese vermeiden zu wollen. Indem wir unseren Widerstand gegen belastende Erfahrungen aufgeben, schaffen wir neue Bedingungen, welche die problematische Ausgangssituation verändern werden. Akzeptanz bewirkt somit Veränderung durch Nicht-Verändern-Wollen.

 

- von Brigitte Bornmann