Meditation - zwischen Achtsamkeit und Akzeptanz

Alle Menschen wünschen sich ein zufriedenes, erfülltes und auch für andere nutzbringendes Leben. In der überwiegend materialistisch geprägten Werteorientierung der westlichen Industrieländer aber finden zunehmend weniger Menschen brauchbare Antworten auf die Frage, wie das ersehnte Glück zu erreichen ist. Auch die christliche Spiritualität bietet vielen keine zufriedenstellende Orientierung mehr auf ihrer Suche nach einem sinnerfüllten Leben. Die Hinwendung zu den östlichen Weisheitslehren seit den 60iger und 70iger Jahren des 20. Jahrhunderts ist somit eine notwendige Reaktion auf den allgemeinen gesellschaftlichen Sinn- und Werteverlust.

Vor langer Zeit habe ich damit begonnen, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, wobei die säkulare, von religiösen Dogmen befreite Auslegung, welche auf der Ethik der Aufklärung basiert und die Überprüfbarkeit von Glaubenssätzen für unerlässlich hält, meinem Werteverständnis eher entspricht als eine religiös-buddhistische Sichtweise. Zwei Überlegungen haben mich dazu veranlasst, mich dem Buddhismus zuzuwenden, die ich im Folgenden näher erläutern möchte.

Wie die anderen großen Religionen hat auch der Buddhismus einen hohen ethischen Anspruch. Er überwindet jedoch deren moralischen Dualismus durch die Universalität seiner ethischen Prinzipien. Insofern war Buddha einer der ersten Kosmopoliten. Im Unterschied zu den abrahamitischen Religionen beruht die buddhistische Ethik nicht auf einer dogmatischen Lehre von Pflicht und Tugend, sondern sie ist das Ergebnis einer eingehenden Analyse der inneren und äußeren Wirklichkeit und der daraus folgenden Erkenntnis der Verbundenheit und Einheit aller Wesen. Weisheit und Mitgefühl sind deshalb eng miteinander verzahnt. Die buddhistische Ethik ist universell und utilitaristisch ausgerichtet, d.h. ethisches Handeln soll allen Wesen zum Glück und zur Vermeidung von Leid verhelfen.

Im Hinblick auf diese doch recht anspruchsvollen Zielvorstellungen erscheint die Frage dringend geboten, auf welche Weise wir ein glückliches und sinnerfülltes Leben im Einklang mit ethischen Prinzipien denn nun verwirklichen sollen. Die abrahamitischen Religionen geben die Ziele vor, nicht aber Methoden zur Zielerreichung. Der Buddhismus als erfahrungsbasierte Lebensphilosophie hingegen hat eine Reihe von recht ausgefeilten Methoden entwickelt, welche bei regelmäßiger Praxis tatsächlich zum Ziel führen. Er bietet uns Werkzeuge, mit denen wir arbeiten können. Meditation nimmt dabei eine herausragende Rolle ein.

Was ist Meditation und wie lässt sie sich in den Alltag integrieren, damit wir freundlicher mit uns selbst und anderen Menschen umzugehen lernen und unser Leben besser wird? Meditation ist für mich die Untersuchung und Veränderung des eigenen Geistes durch Schulung in Achtsamkeit. Wir lernen, im Augenblick präsent zu sein, wahrzunehmen, was den Geist in jedem Moment beschäftigt und wie sich geistige Inhalte von alleine wieder auflösen, wenn wir nichts tun. Wenn es gelingt, störende Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen immer wieder loszulassen, dann werden wir nicht mehr durch unsere Sorgen und Ängste beherrscht. Da der untrainierte Geist ständig irgendwelchen Ablenkungen unterliegt, brauchen wir zunächst ein Objekt, die Atmung oder Körperempfindungen o.ä., bei dem der Geist verweilen kann. Durch fokussierte Aufmerksamkeit wird er vor Ablenkungen bewahrt. Wann immer die Aufmerksamkeit abschweift, kann sie behutsam, aber bestimmt zu ihrem Brennpunkt, dem Meditationsobjekt, zurückgeführt werden. Durch Achtsamkeit entwickelt sich Geistesruhe, denn in der Meditation nehmen wir alle, im Geist auftauchenden Phänomene so wahr, wie sie sind, ohne sie zu bewerten oder beeinflussen zu wollen. Was immer auch geschehen mag, es ist in Ordnung. Akzeptanz des Gegenwärtigen heißt nicht, dass uns die Inhalte unseres Geistes auch gefallen müssen. Wir nehmen diese lediglich wahr, ohne sie im Moment verändern zu wollen. Die meditative Haltung des Sich-Annehmens ist die Erkenntnis: „So bin ich in diesem Augenblick, was nicht bedeuten muss, dass ich immer so bleiben werde.“

Durch Meditation gelingt es zunehmend besser, auch bei alltäglichen Aktivitäten eine achtsame Haltung einzunehmen, bei allen Routinetätigkeiten, Hausarbeiten,  Laufen, Essen und im Kontakt mit anderen Menschen. Da wir oft „halbbewusst“, im sog. „Autopilotenmodus“, agieren, können äußere situative oder innerseelische Auslöser alte dysfunktionale Denk- und Reaktionsgewohnheiten triggern, welche negative Folgen haben können. Durch Meditation wird unsere Wahrnehmung mit der Zeit weiter und klarer, unser Reagieren reflektierter. Wir üben, die Ursachen störender Emotionen zu erkennen und zu analysieren, unsere Perspektive zu erweitern, so dass wir besser entscheiden können, auf welche Weise wir belastende Gefühle überwinden, ob durch Veränderungen in der äußeren oder der inneren subjektiven Realität. Die Entwicklung einer offen akzeptierenden Haltung dem Unabänderlichen gegenüber kann unter Umständen überaus befreiend sein. Denn leidvolle Erfahrungen entstehen, wenn wir das Unvermeidliche zu vermeiden und zu bekämpfen versuchen, wodurch unsere Wahlmöglichkeiten immer dürftiger werden und sich die Häufigkeit und Intensität negativer Gefühle und Gedanken paradoxerweise steigern. Die meditative Haltung von Achtsamkeit und Akzeptanz im Sinne von Widerstandslosigkeit dem gegenwärtigen Augenblick gegenüber bedeutet weder Resignation, noch das Andauern des negativen Zustandes. Akzeptanz ist das Gegenteil von Vermeidung und bezeichnet eine Haltung, welche Ereignisse und Situationen aktiv und offen annimmt, statt diese vermeiden zu wollen. Indem wir belastende Erfahrungen nicht mehr zu bekämpfen versuchen, unseren Widerstand dagegen also aufgeben, schaffen wir neue Bedingungen, welche die problematische Ausgangssituation verändern werden. Akzeptanz bewirkt somit Veränderung durch Nicht-Verändern-Wollen.

 

- von Brigitte Bornmann