Eine Kultur des Erwachens

Wenn ich buddhistische Sutren lese, empfinde ich oft eine tiefe Resonanz. Dies betrifft Grundkonzepte wie die Dukkha, das Unbefriedigende im Leben, Annicca, die Unbeständigkeit der Dinge und Anatta, die Lehre vom „Nicht-Ich“. Gerade Anatta sehe ich als eine Art kopernikanische Wende: Genauso wie Kopernikus das geozentrische Weltbild zerschmetterte, verwarf Gautama den Egozentrismus und zeigte einen Weg zur Befreiung auf. Nur beim Konzept des Samsara, dem „beständigen Wandern“ verspürte ich nie diese Resonanz. Der traditionelle Buddhismus besitzt dieses Weltbild noch – hier ein Auszug aus dem Assu Sutta: „Mehr sind, ihr Bhikkhus, die Tränen, die euch entströmt und die von euch vergossen worden, da ihr, so lange Zeit hindurch (von Geburt zu Geburt) umherwandernd und umherlaufend, über Vereinigung mit Unliebem und über Trennung von Liebem klagtet und weintet, als das Wasser in den vier großen Meeren.“ Wieso ist mit der Gedanke eines Kreises von Wiedergeburten, den es zu durchbrechen gilt, mir so fremdartig? Ich glaube, dass dies dem heutigen Lebensgefühl nicht mehr entspricht. Damit stellen sich die Fragen: Was macht man dieses Lebensgefühl der Moderne aus? Wie, wann und wo entstand es vermutlich?

 

Wenn man die Provence bereist, empfehle ich den Besuch in dem Örtchen Vaucluse, an dem die Sorgue entspringt in einer eindrucksvollen Quellgrotte. Diese wurde auch vom bedeutenden italienischen Dichter und Renaissance-Humanist Francesco Petrarca beschrieben. Im Jahr 1336 beschrieb Petrarca in einem Brief die Besteigung des Mont Ventoux: „Zuerst stand ich da wie benommen von der ungewohnten Luft und dem ganz freien Rundblick. Ich schaue nach unten: Wolken schweben zu meinen Füßen, und schon scheinen mir Athos und Olymp nicht mehr unglaubhaft: Was ich von ihnen gehört und gelesen habe, erblicke ich auf einem weniger berühmten Berg nun mit eigenen Augen. Ich wende meinen Blick jetzt nach der Seite, wo Italien liegt - die Gegend, zu der sich mein Geist so sehr hingezogen fühlt. Die Alpen selbst, eisstarrend und schneebedeckt, die einst der wilde Feind des römischen Volkes überstieg - mit Essig hat er dabei, wenn wir der Überlieferung glauben wollen, die Felsen gesprengt - die Alpen schienen mir greifbar nahe, obwohl sie doch so weit entfernt sind.“ Dann wählt er zufällig ein Zitat von Augustinus und liest es seinem Bruder vor: "‚Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.‘ Ich war wie betäubt, ich gestehe es, ich bat meinen Bruder, der begierig war, noch weiteres zu vernehmen, mich nicht zu stören, und schloss das Buch. Zorn erfasste mich auf mich selber, dass ich immer noch irdischen Dingen Bewunderung zollte, hätte ich doch schon längst von den Philosophen der Heiden lernen können, dass nichts Bewunderung verdient außer der Seele. Nur sie allein ist groß, sonst nichts. Da ließ ich es mir genug sein mit dem, was ich von dem Berg gesehen hatte, ich wandte das innere Auge auf mich selbst, und von da an hat mich niemand ein Wort reden hören, bis wir unten ankamen. Jener Ausspruch bot mir genügend Stoff zum Nachdenken in der Stille.“

 

Diese Passage gilt einigen Kulturwissenschaftlern als Schlüsselmoment, da er zeigt, wie sich das Weltbild des Mittelalters zur frühen Moderne wandelte. Galt im Mittelalter die Welt ein Ort der Mühen und Plagen, eine Zwischenstation auf dem Weg in (so hoffentlich) himmlische Gefilde, so zeigen sich in dem Brief andere Aspekte: Naturerlebnis und Rückbesinnung auf sich selbst. Indem das mittelalterliche Dogma der Welt als „qualvoller Zwischenstation“ verblasste, entstand mit der Renaissance ein Wandel, der sich in jeder Form menschlicher Kultur niederschlug: Architektur, Philosophie, Kunst, Skulptur und das Erwachen der Technik. Petraca gilt als bedeutendster Dichter Italiens seiner Zeit und beeinflusste viele Künstler im damaligen Europa. Den heutigen Menschen, die von diesen Denktraditionen geprägt sind, muss das Weltbild des Samsara, eines leidvollen Kreises, den es zu überwinden gilt, genauso fremdartig erscheinen wie das Weltbild des christlichen Mittelalters.

 

Die von Petrarca empfundene Rückbesinnung auf den Geist ist in gewissem Sinn ist für mich Kern buddhistischer Philosophien. Der erste Satz im Dhammapada lautet: „Den Dingen geht der Geist voran, der Geist entscheidet.“ Dies empfinde ich als den Schlüsselsatz: Die in den Sutren beschriebenen Aspekte sind Facetten unseres Geistes, die wir erkennen und durchschauen müssen. Dieses Erkennen ist aber nicht analytisch gemeint, sondern im Mittelpunkt stehen das Erfahren und Empfinden. Aber was ist es, was man erfährt? Was liegt dem zugrunde? Ich sehe buddhistische Praxis als eine radikale Form der Selbsterkenntnis, die das Selbst als ein Mysterium ansieht. Es ist eine Kultivierung des fragenden Bewusstseins und des Agnostizismus, der dazu führt, sich Eindrücken und Erfahrungen zu öffnen, statt diese ständig im Geiste zu bewerten.

 

Das wohl größte Mysterium ist, dass diese Öffnung zu dem Hier und Jetzt die Sichtweise auf sich und die Welt verändert. Es führt zur Wahrnehmung von Schönheit aber auch Kultivierung von Mitgefühl und Güte. Diese buddhistische Praxis wurde von Stephen Batchelor sehr treffend mit dem Aspekt „Kultur des Erwachens“ beschrieben. Man durchlebt eine Reihe von Einsichten, die kognitiv auf symbolischer auch teilweise auch sub-symbolischer Ebene erfahren werden. Eine solche Erfahrung hat Shantideva im 7. Jahrhundert beschrieben: „Möge ich ein Beschützer sein für die Schutzlosen, ein Führer für alle Reisenden unterwegs, eine Brücke, ein Boot und ein Schiff für alle, die übers Wasser wollen, eine Insel für die, die danach Ausschau halten, eine Lampe für die, die Licht suchen, ein Bett für die Ruhesuchenden und ein Diener für die, die Bedienung brauchen… Möge ich immer das Leben der unzähligen Lebewesen unterstützen, bis sie den Schmerz verlassen.“ Dies ist die vielleicht wichtigste Dimension der buddhistischen Praxis – die bewusste Hinwendung zu ethischen Grundsätzen: Mitgefühl, Gleichmut, Mitfreude und Güte, nicht als Dogma oder kodifizierte Moral, sondern empfunden als spontane emotionale Reaktion, wie Stephen Batchelor es nennt. Diese Reaktion führt hoffentlich dazu, dass sich Menschen im Leben mit etwas mehr Weisheit verhalten.

 

Ich bin überzeugt, dass der undogmatische und agnostische Ansatz eines modernen, westlichen Buddhismus, oft auch „säkular“ genannt, einen neuen Ansatz zur Erschließung buddhistischer Philosophien liefert. Der Grund liegt darin, dass statt Dogmen nun das ganze Instrumentarium der historisch-kritischen Textanalyse bereitsteht. Das führt aber auch zu einer Änderung der Art und Weise, wie Buddhismus vermittelt wird. Es dominiert nicht mehr der Priester als Angehöriger einer Richtung, sondern Buddhismus wird geprägt und vermittelt durch Bücher, Schriften und Vorträge von Autoren und Forschern. Buddhismus wird so neu interpretiert und in andere Zusammenhänge gesetzt. Für den einzelnen ist dies eine Herausforderung, da immer die Gefahr besteht, sich in der Vielzahl der unterschiedlichen Interpretationen zu verlieren. Deswegen ist es wichtig, herauszufinden, welche Ideen und Ansätze für einen wertvoll sind, wo man eine Resonanz verspürt. Hier bietet der säkulare Buddhismus die Chance, eine neue Sprache zu entwickeln für Menschen, denen die indische Mythologie in weiten Teilen fremd ist.

 

Zum Schluss will ich betonen, dass meiner Ansicht die Beschäftigung mit Philospohie oder aber auch formale Praxis wie die Meditation nicht dazu führen sollte, dass sich Menschen zurückziehen, sondern dass sie den Gewinn an Autonomie dazu nutzen, auch ihre Lebensumstände zu verändern, so dass diese menschlicher werden. Nach meinem Verständnis kennt die buddhistische Philosophie beide Positionen, den Individualismus und den Universalismus, verabsolutiert diese jedoch nicht und spielt sie nicht gegeneinander aus. Stattdessen ist sie radikal humanistisch und stellt dem Einzelnen Fragen: Was ist Dein Leid? Wie kannst Du Dir helfen? Wie kannst Du anderen Menschen helfen? Auf den Punkt gebracht: Wer bist Du? Für mich bedeutet die "Kultur des Erwachens", mit dieser Frage zu leben, sich diese jeden Tag neu zu stellen, offen für neue Erfahrungen zu sein um diese jeden Moment bewusst zu erleben, um eigene, authentischen Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden.

 

- von Tobias Trapp